Ein Dach über dem Kopf (Dr. Walter Reicher)


Notes on the genealogy of composer Joseph Haydn (Dr.Fritz Königshofer)


Kostbare Blätter (Dr. Walter Reicher)


Haydn ein Europäer? (Dr. Walter Reicher)


Haydn ein Europäer? (Dr. Walter Reicher)

(erschienen in: Wiener Klassik. Das Musikmagazin. Herbst 1993)

Als Joseph Haydn im Jahre 1790 zu seiner ersten Englandreise aufbrach, wollte ihn unter anderen auch Wolfgang Amadeus Mozart mit dem Argument, daß die Reise in seinem Alter zu beschwerlich sei und er zudem nicht einmal englisch spreche, von diesem Vorhaben abhalten. Ein wohlgemeinter Rat des vielgereisten, und in mehreren Sprachen eloquenten jüngeren Kollegen. Haydn quitierte dies mit dem berühmten Ausspruch: "Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt".

Die Worte eines Weltenbürgers? Wir können nur Vermutungen anstellen bzw. Fakten untersuchen, in welcher physischen Beziehung Haydn zur Welt/zu Europa stand.

Mit der oben geschilderten Begebenheit zwischen Mozart und Haydn ist auf gar keinen Fall gesagt, daß Haydn keiner Fremdsprache mächtig gewesen wäre. Italienisch war für den Leiter des Esterházyschen Opernhauses, in dem viele Musiker und Sänger Italiener waren, fast sein tägliches Brot. Auch brieflich verkehrte er in dieser Sprache ﷓ natürlich mit seiner Geliebten, der Sängerin Luigia Polzelli, teilweise mit seinen Verlegern und zum Beispiel auch mit den Violinkomponisten G.B.Viotti wie ein Brief an ihn vom 19.Dezember 1794 beweist.

Selbstverständlich konnte der ehemalige Sängerknabe im Wiener Stephansdom und Komponist vieler geistlicher Werke auch Latein. Ob er auch ungarisch sprach ist zu vermuten, es gibt aber dazu keinen schriftlichen Beweis. Allerdings war zu Haydns Zeiten die Sprache der Esterházyschen Verwaltung Deutsch bzw. mußte ein Esterházyscher Verwaltungsbeamter auch Latein beherrschen.

Es gibt mehrer Briefe, in denen Haydn französische Floskeln verwendet. Seinen Dankesbrief an das "Conservatoire de Musique" in Paris (vom 6.März 1806) ließ er sich von Luigi Cherubini schreiben. Und sollte Haydn vor seiner Abreise nach London tatsächlich nicht englisch gesprochen haben, dann beherrschte er es spätestens nach seiner zweiten Englandreise. Zahlreiche Dokumente beweisen dies ebenso wie die Tatsache, daß er bei der Komposition der "Schöpfung" parallell zum deutschen Text von van Swieten den englischen Text musikalisch mitberücksichtigte.

Obwohl Haydn außer seinen beiden Englandreisen kaum aus dem Bereich Eisenstadt﷓Wien weggekommen ist, hatte er jedoch viele Kontakte zur "Außenwelt". Es war ihm zwar laut seines ersten Dienstkontrakts mit dem Fürsten Paul Anton Esterházy verboten seine Werke anderen als seinem Dienstherrn anzubieten. Haydn kümmerte sich aber sehr bald nicht darum und eröffnete einen regen Briefkontakt zu verschiedenen Verlegern, auch außerhalb der Österr,﷓Ungarischen Monarchie. Sein zweiter Kontrakt enthielt übrigens diesen Passus nicht mehr. Haydn unterhielt Beziehungen zu Verlegern in Deutschland, Frankreich, England und Schottland.

Manchmal verkaufte er sogar ein und dasselbe Werk an zwei Verleger gleichzeitig. Was zwar die Verleger weder freute noch immer so einfach hinnahmen. Haydn war sich aber recht bald seines Wertes bewußt und hätte mit dem heutigen Urheberrecht seine helle Freude gehabt. Zu seiner Zeit war nach dem Verkauf des Manuskriptes an den Verleger für den Komponisten keinerlei finanzieller Nutzen mehr aus dem Werk zu ziehen. Es sei denn, er führte es in seinen eigenen Benefizkonzerten für ein zahlendes Publikum auf. Dies war auch ein Grund dafür, daß Haydn zum Beispiel die Partitur seines Oratoriums "Die Schöpfung" selbst stechen ließ und in der ersten Auflage auch eine "Subscriptionsliste" abdruckte. Später verkaufte er dann die Druckplatten an den deutschen Verlag Breitkopf und Härtel.

Frühzeitig erhielt Haydn auch bereits Aufträge für Kompositionen aus dem Ausland. Der König von Neapel bestellte bei ihm Konzerte und andere Stücke. Für die südspanische Stadt Cádiz schrieb er seine "Sieben Worte des Erlösers am Kreuz". Und seine "Pariser Symphonien" wurden auf Bestellung der Pariser "Loge Olympique" geschrieben. Auch widmete Haydn manche seiner Werke ausländischen Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Friedrich II. von Preußen (Streichquartette op.50). Den finanziellen Hintergedanken dabei (die Geehrten bedankten sich meist mit großzügigen Geschenken) hat Haydn nie verschwiegen.

Einladungen für Konzertreisen nach England oder an andere Adelshöfe mußte er bis zum Tode des Fürsten Nikolaus I. Esterházy ablehnen. Auch bedauerte er es, daß er nie nach Italien gekommen ist, was ihm nach seinen Worten für sein Opernschaffen von Vorteil hätte sein können.

"Die Schöpfung" war es schlußendlich dann, die Haydns Ruhm endgültig besiegelte. Von ganz Europa erhielt er Briefe und Ehrungen unter anderen kamen aus Paris und St.Petersburg Medaillen. Für ein Schreiben aus Bergen auf der Insel Rügen bedankte er sich bei Jean Philipp Krüger mit einem seiner berühmtesten und schönsten Briefe (vom 22.September 1802) "...Es war für mich eine wahrhaft angenehme Ueberraschung aus einer Gegend ein so schmeichelhaftes Schreiben zu erhalten, wohin ich nie wähnen konnte, daß die Werke meines geringen Talentes dringen würden. ... so gehen dadurch die heissesten Wünsche meines Herzens in Erfüllung; von einer jeden Nation zu welcher meine Arbeiten gelangen würden, als nicht ganz unwürdiger Priester dieser heiligen Kunst beurtheilt zu werden..."

Welchen Geistes Kind war nun Joseph Haydn, der 95% seines Lebens physisch aus der Region Eisenstadt﷓Wien nicht herausgekommen ist? Vielleicht war es gerade dieser enge geographische Bereich, der auch zugleich ein Schnittpunkt der Österreichisch﷓Ungarischen Monarchie war. Haydn verkehrte hier mit Deutschen, Ungarn, Kroaten, Slowaken, Zigeunern und den schon erwähnten italienischen Künstlern am Hofe der Fürsten Esterházy. Möglicherweise läßt sich hierin der Schlüssel finden, daß ihn sein Biograph Griesinger so charakterisieren konnte: "Haydn ließ jeden Menschen bei seiner Überzeugung, und erkannte sie alle als Brüder". Welches Motto könnte für ein neues Europa wohl besser passen als dieses?

Joseph Haydn








Autor: Dr. Walter Reicher