Ein Dach über dem Kopf (Dr. Walter Reicher)


Notes on the genealogy of composer Joseph Haydn (Dr.Fritz Königshofer)


Kostbare Blätter (Dr. Walter Reicher)


Haydn ein Europäer? (Dr. Walter Reicher)


Kostbare Blätter (Dr. Walter Reicher)

Über das Sammeln von Musikerhandschriften

Die Periode der Menschheit, als sie als Jäger und Sammler ihr Dasein fristete, scheint in vielen Bereichen leider noch immer nicht in grauer Vorzeit zu liegen. Doch soll hier von einer Leidenschaft geschrieben werden, die viel harmlosere Bereiche des menschlichen Lebens betrifft. Obwohl auch hierbei die Instinkte des Hinterherjagens und Sammelns als wahrscheinlich unabdingbar anzusehen sind, will man auf diesem Gebiet erfolgreich sein.

Das Sammeln von Gegenständen, das nicht in erster Linie dem bloßen Überleben dient, hat eine lange Tradition. Beispielhaft sollen hier die Bibliothek zu Alexandrien, das Museion der Griechen oder die Kunst- und Wunderkammern an den mittelalterlichen Fürstenhöfen stehen. Aber erst vor ungefähr 200 Jahren begann man sich verstärkt für Originalhandschriften von individuellen Personen zu interessieren. Goethe war einer der Ersten, der sich eine Sammlung von Autographen zulegte. In seinem Besitz befanden sich auch Schriftstücke von Joseph Haydn.

Als man begann, Originalhandschriften (= Autographe) von Komponisten zu sammeln, hatte dies seinen Ursprung in der Schätzung des Musikers als herrausragende Persönlichkeit, seiner Bewertung als Genie. Man wollte von ihm ein Andenken besitzen. So zuerschnitt zum Beispiel Wolfgang Amadeus Mozarts Frau Konstanze Skizzen und Fragmente ihres verstorbenen Mannes, um auch Freunde mit einem kleinen Stück Mozart beglücken zu können.

Erst später begann man im Autograph mehr als eine Reliquie zu sehen. Das Interesse an dem Inhalt kam hinzu und es wurde ein Dokument daraus. Einer, der sich in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine riesige Autographensammlung aufbaute, war Aloys Fuchs. Seiner Sammlung beherbergte auch eine große Anzahl von Werken von Joseph Haydn. Die hier abgebildete Skizze zu Haydns letztem Werk, seinem unvollendet gebliebenen Streichquartett op.103, trägt noch immer den Hinweis auf die Sammlung Aloys Fuchs.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bildete sich immer mehr der Aspekt der Wertanlage heraus. Autographe wurden zu Wertgegenstände für Liebhaber. Antiquare spezialisierten sich auf den Handel mit einer solch schönen Ware und ebenso entdeckten Auktionshäuser eine neue Einnhamequelle. Es blieb unserem Jahrhundert vorbehalten, in einem Autograph auch den wissenschaftlichen Wert zu sehen. Das brachte auch mit sich, daß nunmehr ein Arbeitsmanuskript einer Reinschrift ohne jede Korrektur vorgezogen wird. In ihm manifestiert sich nämlich auch ein Schaffensprozeß, der wiederum überleitet zum Autograph als Quelle wissenschaftlicher Textkritik. Dieser Aspekt ist besonders wichtig bei den gedruckten Ausgaben der Werke, bei den wissenschaftlichen Editionen.

Ein Autograph ist ein wichtiges Hilfsmittel bei der Frage nach der Urheberschaft. Auch kommt ihm eine entscheidente Stellung bei der Datierungsfrage zu. Auch wenn auf dem Autograph die Jahreszahl fehlt, aus dem Papier, dem Wasserzeichen, der Art und Weise des Niederschrift kann trotzdem sehr oft exakt auf die Entstehungszeit geschlossen werden.

In Briefen gewinnt die Wissenschaft Einsicht in die Privatsphäre des Komponisten. Sie kann aber auch durch Hinweise in Briefen Antworten auf Fragen nach Authentizität und Datierung von Werken erhalten. Als unmittelbare Äußerung des Künstlers können so auch wichtige Hinweise zu Interpretaionsfragen gewonnen werden.

War es einem kleinen Staatsbeamten wie Aloys Fuchs noch möglich mit geringen Mitteln eine enorme Sammlung aufzubauen, ist es heute schon ungleich schwerer. Stefan Zweig, einer der inspiriertesten Sammler von Autographen, beklagte bereits, daß immer mehr bedeutende Stücke den Weg nach Übersee nähmen. Den Weg nach Übersee trat dann auch seine Sammlung an, als er von den Nationalsozialisten vertrieben, seine Heimat verlassen mußte. Ebenso verhielt es sich mit der bedeutenden Sammlung von Rudolf Kallir. In jüngerer Zeit waren es unter anderem die Petromillion eines J.P.Getty, die den Wert für wirklich bedeutende Autographe schier unerschwinglich werden ließen. Händler taten dazu ihr Übriges. Umso mehr sind daher Menschen wie Hans Peter Wertitsch zu schätzen, die sich zum Ziel gesetzt haben, Musikerhandschriften, die ein österreichisches Kulturgut par excellence darstellen, wieder nach Österreich zurückzuholen. Seine Maxime, nicht nur für sein Privatvergnügen zu sammeln, sondern vielmehr seine Sammlung für Wissenschaft und Forschung zugänglich zu machen, macht ihm zu einem der wahrsten Mäzene Österreichs. Zusätzlich zu Schenkungen an die Öffentlichkeit liegt seine bedeutende Sammlung als Dauerleihgabe in der Österreichischen Nationalbibliothek. Es sind also nicht nur die privaten Sammler, die an Musikerhandschriften Interesse haben. Institutionen wie Archive und Bibliotheken haben schon frühzeitig begonnen, ihre Bestände systematisch zu erweitern.

Doch nicht jede Anhäufung von Autographen kann auch tatsächlich als eine Sammlung bezeichnet werden. Auch ist es nicht immer nur die Masse an Stücken, die eine Sammlung zu einer solchen werden läßt. Bei einem Neubeginn wird ein allumfaßender Anspruch heutzutage schwerlich zu realisieren sein. Es kommt vielmehr darauf an, was gesammelt wird, welche bedeutenden Stücke eine Sammlung beherbergt, welche Spezialisierung ihr zugrunde liegt. Am Beispiel von Haydnautographen soll dies kurz erläutert werden.

Haydns musikalischer Nachlaß wurde zum überwiegenden Teil von seinem letzten Dienstherrn, Fürst Nikolaus Esterházy II., erworben. Momentan befindet sich die weitaus größte Sammlung an Haydnautographen in Budapest, wohin sie der Fürst transferiert hatte, und wo sie 1949 verstaatlicht und in die Nationalbibliothek Széchényi überführt wurde. Viele seiner Handschriften wurden aber bereits zu seinen Lebzeiten in ganz Europa verstreut. Wichtige Besitzer von Haydndokumenten sind heute, neben der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und der Österreichischen Nationalbibliothek, öffentliche Sammlungen in Berlin und London, sowie zahlreiche andere Institutionen und private Sammler, die kleinere Bestände von Haydnautographe haben.

Das Burgenland hat sich zur Aufgabe gestellt, Eisenstadt zum Zentrum der internationalen Haydnpflege auszubauen, um so Joseph Haydn, der über 40 Jahre mit dieser Stadt aufs Engste verbunden war, ein würdiges Andenken zu bereiten. Mit den Haydnfestspielen wurde bereits ein wichtiger und großer Schritt in diese Richtung getan. Es wird aber unumgänglich sein, auch in Eisenstadt verstärkte Bemühungen in Gang zu setzen, um diesem Anspruch auch auf dem Gebiet der Sammlung von Autographen gerecht zu werden. Eisenstadt kann dabei schon auf einen kleinen exquisiten Bestand verweisen. Haydnautographe finden sich im Esterházyschen Kirchenmusikarchiv, im Verwaltungsarchiv der Domäne Esterházy in Forchtenstein, in den Beständen im Eisenstädter Dom (die sich teilweise noch in Wien und Niederösterreich befinden, da sie während der russischen Besatzungszeit dorthin in Sicherheit gebracht wurden) und der Sammlung im Haydn-Museum, das zum Burgenländischen Landesmuseum gehört.

Die Haydnautographe im Haydn-Museum kommen aus dem Besitz des ehemaligen Eisenstädter Weinhändlers Sandor Wolf. Von ihm stammt auch der Grundstock der übrigen Haydniana. Acht Briefe von Joseph Haydn sowie ein paar Musikhandschriften sind im Besitz des Haydn-Museums. Der Ausbau der Sammlung wurde in den letzten Jahrzehnten kaum Betrieben, von Systematik ganz zu schweigen, obwohl die Bibliothek und der Bestand an Erst- und Frühdrucken bereits beträchtlich ist. In erster Linie lag das an den finanziellen Möglichkeiten. Haydnautographe sind auf dem internationalen Autographenmarkt kaum anzutreffen. Sie sind rarer als Handschriften von Mozart. Obwohl sie im internationalen Vergleich noch immer unterbewertet sind, liegen die Preise für Briefe bei momentan öS 200.000 bis 250.000 und für eine Notenseite bei ca. öS 500.000 bis 600.000;. Trotzdem konnte das Haydn-Museum in letzter Zeit einen schönen Erfolg verbuchen. Fünf Briefe von Joseph Haydn, sowie das Autograph eines Baryton Trios und die bereits erwähnte Skizze des Streichquartetts op.103 wurden von einem Privatsammler als Dauerleihgaben ins Haydn-Museum gegeben und somit Wissenschaft und Forschung zur Verfügung gestellt.

Trotz des kleinen Bestandes an Haydnautographen läßt sich in dieser Leihgabe eine deutliche Linie erkennen: Bevorzugtes Gebiet sind Briefe von Joseph Haydn. Interessanterweise sind es Briefe in denen Joseph Haydn auch Zeugnis über seine Sprachkenntnisse gibt. Sie sind in deutscher, englischer und französchischer Sprache geschrieben.

Durch die Gründung einer "Internationalen Joseph Haydn-Stiftung, Eisenstadt" ist das offizielle Burgenland gerade dabei auch für den Ausbau der Sammlung von Haydniana eine Struktur zu schaffen, bevor es zu spät ist. Damit soll unter anderem die Stellung Eisenstadts als Haydnzentrum ausgebaut werden und Kulturgüter erhalten werden.

Zum Abschluß ist ein Zitat von Otto Biba angebracht, einem der profundesten Kenner in dieser Sache: "Wer ins Gespräch mit dem Kreis derer kommt, die mit Autographen zu tun haben - ob beruflich oder aus Neigung, aus wissenschaftlichem Interesse oder aus Begeisterung für ein schönes Sammelgebiet - oder wer einmal das Schicksal einer solchen Handschrift verfolgt und erkannt hat, wieviel Information, aber auch Freude sie bieten kann, erst der weiß um den Wert eines Autographs: ein solcher ist in Geldsummen nicht auszudrücken."

Für denjenigen, der sich mit der Materie des Sammelns von Autographen mehr beschäftigen will, seien hier noch zwei Publikationen zu diesem Thema erwähnt:

Internationales Symposium Musikerautographe - Bericht redigiert von Ernst Hilmar. Erschienen 1990 bei Hans Schneider, Tutzing.

Nr.3-4/1989 der Österreichischen Musikzeitschrift zum Thema Musiker-Autographe.




Brief Haydns an seinen Verleger Artaria (c) Haydnstiftung

Brief Haydns an Halbing (c) Haydnstiftung

Joseph Haydn "Kaiserhymne"

Joseph Haydn Streichquartett op. 103 (c) Privatbesitz




Internationale Privatstiftung Joseph Haydn Eisenstadt